Deutsche Exilanten in der Türkei

Kazı ekibinden görüntü Bild vergrößern created by SCHEDULE (Copyright Fink & Partner) (© DAI) In den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts fanden mehr als 80 namhafte deutsche Wissenschaftler und Künstler in der Türkei Zuflucht vor der Verfolgung durch das Nazi-Regime. Neben namhaften Professoren und ihren Familien fanden ebenfalls viele junge Universitätsassistenten und Lektoren eine vorübergehende Anstellung. Sie halfen beim Aufbau der türkischen Hochschulen, wie der Architekt Bruno Taut, Nationalökonomen wie Alexander Rüstow, Gerhard Kessler und Wilhelm Röpke, oder auch Dr. Ernst Praetorius ab 1935 am Konservatorium in Ankara. Diese Emigranten legten die Grundlage für die bis heute nachwirkende Orientierung vieler junger türkischer Wissenschaftler nach Deutschland. In ihren Pass erhielten sie den Stempel 'heimatlos'. Der Begriff 'Haymatloz' geht als Synonym für die Exilanten in die türkische Sprache ein.

Einige Namen

- Albert Malche: Der Genfer Pädagogikprofessor und Politiker Albert Malche erhält 1932 von der türkischen Regierung den Auftrag, die bestehenden türkischen Hochschulen auf Reformnotwendigkeiten- und möglichkeiten hin zu überprüfen und entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Die türkische Regierung unter Kemal Atatürk und Unterrichtsminister Resit Galip erkennen aus Malches Informationen die einzigartige Möglichkeit, die sich aus der Emigration vieler anerkannter Wissenschaftler aus dem Nazi-Regime in Deutschland für die universitären Reformpläne, nämlich Gründung und Aufbau einer völlig neuen, westlich orientierten Universität in Istanbul und später in Ankara, ergibt.

- Prof. Philipp Schwartz: 1933 schliessen Prof. Philipp Schwartz im Namen der in der Schweiz gegründeten ‘Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland’ und der türkische Unterrichtsminister den grundlegenden Vertrag über die Anstellung deutscher Professoren und Wissenschaftler in der Türkei.

Ernst und Hanna Reuter, 1946 Bild vergrößern Ernst und Hanna Reuter, 1946 (© Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.)

- Prof. Ernst Reuter: Von 1935 bis 1946 Tätigkeit als Experte für Verwaltungs- und Verkehrsfragen im türkischen Verkehrsministerium; Lehrtätigkeit als Professor für Kommunalpolitik und Städtebau an der Hochschule für Politische Wissenschaften Ankara; Bemühungen um die Gründung eines Instituts für Städtebau

Die Privatschule der Deutschen Botschaft Ankara trägt heute seinen Namen.

- Prof. Dr. Jur. Ernst E. Hirsch: Ab 1933 Professor für Handelsrecht sowie Rechtssoziologie- und philosophie an den Universitäten in Istanbul und später Ankara.

- Prof. Dr. rer.pol. Gerhard Kessler: Von 1933 bis 1951 Professor für Volkswirtschaft an der Universität Istanbul; zusammen mit Orhan Tuna Gründung der ersten türkischen Gewerkschaft 1946.

- Prof. Dr. rer.pol. Fritz Neumark: Von 1933 – 1951 Professor für Volkswirtschaft an der Universität Istanbul; Berater der türkischen Regierung für Wirtschaftspolitik.

- Prof. Dr. rer. pol. Alexander Rüstow: Von 1933 – 1949 Professor für Wirtschaftsgeschichte  und Wirtschaftsgeographie an der Universität Istanbul. Paul Hindemith, 1927 Bild vergrößern Paul Hindemith, 1927 (© Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.)

- Prof. Paul Hindemith, Musiker und Komponist: Hindemith reist zwischen 1935 und 1937 viermal in die Türkei und erarbeitet Vorschläge zum Aufbau eines staatlichen Konservatoriums in Ankara und zur Erneuerung des symphonischen Orchesters des Staatspräsidenten. Dafür empfiehlt er die Anstellung von Fachleuten wie Ernst Praetorias, Eduard Zuckmayer, Carl Ebert oder Licco Amar.

- Dr. phil. Ernst Praetorius: Aus Protest gegen die Nationalsozialisten legt Praetorius1933 sein Amt als Generalmusikdirektor in Weimar nieder. Ab 1935 ist er mit dem Aufbau des Konservatoriums in Ankara und Reorganisation des Symphonieorchesters des Staatspräsidenten beauftragt.

- Carl Ebert, Schauspieler, Regisseur und Indentant: 1936 Vorlage eines Gutachtens über die Errichtung von Theaterschulen, Lehrtätigkeit an der Staatsschule für Opern- und Schauspielbühne.

Eduard Zuckmeyer, Ankara 1946 Bild vergrößern Eduard Zuckmeyer, Ankara 1946 (© Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.) - Eduard Zuckmayer, Musikpädagoge: Ab 1936 zusammen mit P. Hindemith und C. Ebert Errichtung und Leitung des staatlichen Konservatoriums in Ankara. Bis zu seinem Tod am 2.7.1972 in Ankara Fortführung seiner Tätigkeiten als Hochschullehrer, Konzertpianist und Dirigent sowie Berater der türkischen Regierung.

- Bruno Taut, Architekt, Stadtplaner und einer der bekanntesten Vertreter des ‘Neuen Bauens’: Von 1936 bis zu seinem Tode 1938 in Istanbul Professor an der Akademie der Schönen Künste Istanbul, Leiter der Architekturabteilung und des Baubüros des Unterrichtsministeriums. Er widmet sich – wie seine Kollegen W. Schütte, Schütte –Lihotzky, Deppler, Hillinger u.a. vornehmlich dem Entwurf von Schulbauten. Nach seinen Entwürfen entsteht 1937 die literaturwissenschaftliche Fakultät der Universität Ankara.

- Clemens Holzmeister, Architekt: Ab 1940 neben einer Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Istanbul entwurf und Bau des noch von Atatürk in Auftrag gegebenen Parlamentsgebäudes in der Hauptstadt Ankara; weitere Aufträge des türkischen Arbeitsministeriums für Amtsgebäude.

- Hans Gustav Güterbock, Hethitologe: Von 1936 bis 1948 Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Ankara im Fachbereich Archälogie.

Die Ausstellung „Haymatloz – Exil in der Türkei 1933-1945“, die diese Immigration deutschsprachiger Intellektueller in die Türkei und deren Beteiligung am Reformprozess der jungen türkischen Republik dokumentiert, war in den vergangenen Jahren in mehreren Städten der Türkei zu sehen.

Das Werden einer Hauptstadt - Spuren deutschsprachiger Architekten in Ankara

Das Werden einer Hauptstadt – Spuren deutschsprachiger Architekten

Das Projekt des Goethe-Instituts Ankara wurde in Zusammenarbeit mit der Architektenkammer der Türkei, Zweigstelle Ankara, und der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland organisiert und im Rahmen der Ernst-Reuter-Initiative realisiert.  Die Website gibt einen ausführlichen Überblick über die Rolle der deutschsprachigen Architekten, die in den frühen Jahren der Republik am Aufbau der neuen türkischen Hauptstadt Ankara beteiligt waren.